Wattenmeer: Bilanz der Seehundzählung

Seehunden geht es gut

Ein vitaler Seehundbestand und ein ganz neuer Rekord: „Noch nie wurden so viele junge Seehunde gezählt wie in diesem Jahr

– insgesamt 2.711“, teilte Prof. Dr. Eberhard Haunhorst, Präsident des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), mit. Das dritte Jahr in Folge hält sich der Seehundbestand auf sehr hohem Niveau: Insgesamt knapp 10.000 Seehunde sind in diesem Sommer während der Flüge im Wattengebiet zwischen Ems und Elbe erfasst worden – gezählt wurden 9.836 Tiere. Damit ist das Gesamtergebnis leicht unter dem bisherigen Spitzenwert von 9.946 aus dem Jahr 2017 geblieben. Beim Nachwuchs sind die Unterschiede deutlicher: 2018 wurden 2.158 Jungtiere gezählt, 2017 waren es 2.212.

Starkregen und Gewitter haben den geplanten Start am 11. Juni zunächst verzögert. Nach Wetterberuhigung konnte es dann am 13. Juni losgehen. Nach insgesamt 15 Flügen konnte nun Bilanz gezogen werden.

„Die Tiere machen einen ausgesprochen gesunden und vitalen Eindruck“, unterstreicht Haunhorst. Tiere, die an der Küste angespült oder sichtbar erkrankt eingeschläfert werden müssen, werden auch im LAVES Institut für Fische und Fischereierzeugnisse in Cuxhaven untersucht. „Bei unseren Untersuchungen hat sich gezeigt, dass es keine Hinweise auf mögliche Viruserkrankungen, wie zum Beispiel Seehundstaupe, gibt“, so Haunhorst weiter. Die Seehunde sind ein wichtiger Bioindikator für den einzigartigen Lebensraum Wattenmeer. „Anzahl und Gesundheitszustand lassen Rückschlüsse auf die Wasserqualität und auf den Fischbestand zu. Und damit eben auch auf das empfindliche Lebensmittel Fisch“, erläutert der Tierarzt.

Rückblick: 1988 und 2002 zog die Seuche „Seehundstaupe“ durch die Population. 1988: Der geringe Seehundbestand an der Niedersächsischen Küste von knapp 2.500 Tieren reduzierte sich auf 1.400.

2002: 3.851 Seehunde wurden tot aufgefunden – der Bestand von rund 6.500 Tieren reduzierte sich dadurch um weit mehr als die Hälfte. In dem jeweiligen Folgejahr wurden lediglich 229 beziehungsweise 799 Jungtiere gezählt.

Die beste Zeit für die Zählung ist bei Niedrigwasser von Juni bis August. In den Sommermonaten kommen die Seehunde vermehrt an Land, um ihre Jungen aufzuziehen, um sich zu sonnen und um ihr Fell zu wechseln. Die Seehunde ruhen auf den Sandbänken und können vom Flugzeug aus gezählt werden. Und das Wetter war in diesem Jahr für beinahe alle Zählflüge optimal: blauer Himmel, viel Sonne und wenig stürmische Winde. Seehunde mögen es sonnig und ruhig und kommen dann an Land. Auf Wetteränderungen und auf Störungen durch den Menschen reagieren die Tiere sensibel und ziehen sich ins offene Meer zurück.

15 Flüge – fünf Termine mit jeweils drei Propellermaschinen standen für das Monitoring auf dem Plan. Dafür wurde das niedersächsische Küstengebiet in drei Abschnitte eingeteilt und so konnten drei Kleinflugzeuge gleichzeitig starten: ab Emden, Harlesiel und Nordholz. Die Zählung haben auch in diesem Jahr niedersächsische Jäger ehrenamtlich übernommen.

Das jährliche Seehundmonitoring wird vom LAVES seit 2005 für Niedersachsen organisiert und koordiniert. Schon seit 1958 wird der Seehundbestand in Niedersachsen systematisch erfasst: Bis 1972 wurde von Schiffen aus gezählt und seither aus der Luft vom Flugzeug. Grundlage für die Zählung ist seit 1990 das Internationale Seehundschutzabkommen der Länder Deutschland (Niedersachsen und Schleswig-Holstein), Dänemark und Niederlande. Gemeinsames Ziel ist die Erhaltung eines dem Ökosystem angepassten vitalen Seehundbestandes. Im Rahmen dieses Abkommens starten die Zählungen dieser Länder zur Vermeidung von Doppelzählungen der sehr mobilen Seehunde zeitgleich.

Eine eingehende Analyse der Daten für den gesamten Seehundbestand im UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer zwischen Den Helder und Esbjerg erfolgt im Herbst durch die Trilaterale Seehundexpertengruppe – die Trilateral Seal Expert Group (TSEG) des trilateralen Seehundschutzabkommens zwischen den Niederlanden, Deutschland und Dänemark.

Text- und Bildquelle: Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES)


Schon seit mehr als sechs Jahrzehnten werden im niedersächsischen Wattenmeer die Seehunde gezählt. Warum eigentlich? Und wie geht das? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Seit wann werden Seehunde in Niedersachsen gezählt?

Schon seit 1958 wird der Seehundbestand in Niedersachsen systematisch erfasst: Bis 1972 wurde von Schiffen aus gezählt und seither aus der Luft vom Flugzeug. Das Seehund-Monitoring für Niedersachsen ist nach Auflösung der Bezirksregierungen im Jahr 2005 auf das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) übertragen worden. Seither wird es vom LAVES organisiert und koordiniert.

Warum werden jedes Jahr die Seehunde gezählt?

Die jährlichen Zählungen geben einen genauen Überblick über den Bestand. Der Seehund wurde im Laufe der 1960er-Jahre aufgrund der Umweltbedingungen zur Seltenheit und die Population brach immer weiter zusammen. Seit 1971 darf der Seehund in Niedersachsen nicht mehr bejagt werden. Durch internationale Vereinbarungen, wie durch Listung in Appendix III der Berner Konvention des Europarats November 1979, haben sich die Mitgliedsstaaten zum Schutz des Seehundes im natürlichen Verbreitungsgebiet verpflichtet.

Grundlage für die Zählung ist seit 1990 das Internationale Seehundschutzabkommen der Länder Deutschland (Niedersachsen und Schleswig-Holstein), Dänemark und Niederlande. Im Rahmen dieses Abkommens starten die Zählungen dieser Länder zeitgleich zur Vermeidung von Doppelzählungen der sehr mobilen Seehunde. Dabei werden auch die Liegeplätze der Seehunde kartiert.

Von wo starten die Zählflüge in Niedersachsen?

Insgesamt 15 Flüge – an fünf Terminen stehen jeweils drei Propellermaschinen für das Monitoring bereit. Der Niedersächsische Küstenabschnitt ist für die Flüge in drei Teilbereiche aufgeteilt worden. Die drei Maschinen starten fast gleichzeitig, und zwar ab Flugplatz Emden: dieser Teil umfasst das Wattenmeer vom Dollart bis zur Insel Spiekeroog; Flugplatz Harlesiel: der Teil vom Jadebusen bis zur Insel Wangerooge und das Watt um die Insel Mellum und vor Butjadingen; Flugplatz Nordholz: das Watt vor der Küste Cuxhavens bis an die Elbe umfasst dieser Teilabschnitt.

Wie sehen die Flüge konkret aus?

Die beste Zeit für die Zählung ist bei Niedrigwasser von Juni bis August. In den Sommermonaten kommen die Seehunde vermehrt an Land, um ihre Jungen aufzuziehen, um sich zu sonnen und um ihr Fell zu wechseln. Die Seehunde ruhen auf den Sandbänken und können vom Flugzeug aus gezählt werden. Die Flughöhe ist dabei sehr unterschiedlich, liegt aber bei etwa 150 Meter – aus Gründen der Flugsicherheit und um die Tiere nicht zu stören. Für diese Seehundzählflüge ist außerordentliches fliegerisches Können und präzise Orientierung im Watt erforderlich. Die jahrzehntelange Erfahrung der Zähler, macht es möglich, die Seehunde im Vorbeiflug systematisch zu erfassen. Außerdem werden Fotos von den Liegeplätzen aufgenommen und ausgewertet. Die Propellermaschinen sind mit mindestens einem, aber auch häufig mit zwei Zählern besetzt. Bedingt durch die Tide ist das Zeitfenster für die Zählung sehr gering. Nach bis zu vier Stunden pro Flug werden die jeweiligen Daten zusammengetragen.

Warum werden keine Kameradrohnen eingesetzt?

Das niedersächsische Wattenmeer unterliegt einer ständigen natürlichen Veränderung. Durch Stürme verändern sich beispielsweise Sandbänke und können als Ruheplatz für den Seehund an Attraktivität verlieren, die Tiere ziehen weiter. Diese neuen Wege und Plätze sind für den erfahrenen Zähler schnell auszumachen. Das kann eine unbemannte Kameradrohne derzeit nicht leisten, zudem sind Reichweite und Einsatzdauer für diese Flüge noch zu gering. Auch wenn auf die erfahrenen Zähler heute nicht verzichtet werden kann, ist über eine Weiterentwicklung zu diskutieren.

Wie hoch sind die Kosten der Zählflüge und wer trägt sie?

Das Land Niedersachsen trägt die Kosten des trilateralen Seehundmonitorings. Hierzu zählt neben der jährlichen Erfassung des Seehundbestandes auch ein Gesundheitsmonitoring, das Aufschluss über den Gesundheitszustand der Population gibt. Niedersächsische Jäger unterstützen die Seehundzählung im Ehrenamt, dadurch sind die Kosten für den Landeshaushalt gering.

Welche Erkenntnisse brachten die Zählungen zuletzt?

Es konnte ein sehr stabiler und vitaler Seehundbestand beobachtet werden. Zeiten, in denen Seehunde im Wattenmeer bejagt werden durften, sind lange vorbei und Ausbrüche der Seehundstaupe in den Jahren 1988 und 2002, wodurch der Bestand stark geschrumpft ist, sind überwunden. Der Seehund hat sich seinen festen Platz im Wattenmeer zurückerobert.

Textquelle: Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES)